Von Istanbul nach Sardinien

Hallo Ihr Lieben alle,
vor ca. drei Monaten berichtete ich von unserem Schwarzmeertörn. Jetzt will ich kurz vom Abschluss der Saison und unserem Weg von Istanbul nach Cagliari auf Sardinien berichten, das wir schon am 16. Oktober erreichten. Seit dem 2. November sind wir bereits in Kiel.
   Vorher möchte ich zunächst aber all denjenigen danken, die uns geschrieben haben und noch keine Antwort erhielten und diejenigen begrüßen, die erstmals einen Bericht von unsrer Reise erhalten. Die guten Wünsche zu Weihnachten und zum neuen Jahr will ich am Schluss aussprechen, wer also nur daran interessiert ist, kann schnell zum Ende scrollen.
   Unsere Odyssee beim Einklarieren in Istanbul habe ich ausführlich in der letzten Mail beschrieben. Danach verbrachten wir einige entspannte Tage in Istanbul und suchten zum Teil nochmals die kulturellen Highlights der Stadt auf, da mir an der nordtürkischen Küste mein guter Fotoapparat abhanden gekommen war und dessen Bilder leider nicht auf den Computer herunter geladen waren. Also mit dem kleinen Zweitapparat nochmals die gleichen Bilder!
Nach 6 Tagen ging es weiter; Richtung Dardanellen, aber diesmal wollten wir uns noch die Insel Marmara im Marmarameer ansehen, vor allem den Ort Saraylar, der wohl einzigste Ort der Welt, wo der Hafen fast ausschließlich aus Marmor gebaut ist.
   Die Insel besteht in ihrem nordöstlichen Teil fast ausschließlich aus qualitativ hochwertigem Marmor. Sie sieht ausgeweidet und zerstört aus, aber es wird weiterhin aktiv Marmor abgebaut. Rund um den Hafen und an den Straßen von Saraylar stehen unendlich viele Marmorskulpturen. Die Kunstakademie von Istanbul macht regelmäßig Kurse für Kunststudenten auf der Insel, Saraylar stellt den Marmor, die Studenten hinterlassen ihre Skulpturen. In einem Hafenhandbuch hatten wir den Namen eines Mannes gelesen, der auf Anfrage es möglich machen sollte, einen Steinbruch zu besichtigen. Wir fragten also nach dem Mann und seiner Telefonnummer und erfuhren, dass er kürzlich verstorben sei. Er war der Direktor des Marmorsteinbruchs. Aber das sei kein Problem, sein Bruder hätte den Job übernommen. Diese Auskünfte erhielt Wolfgang von einem jungen Mann, der sehr gut englisch sprach und zusagte, sich um eine Besichtigungsmöglichkeit zu kümmern. Nach zwei Stunden kam ein Auto mit einem Fahrer und dem englisch sprechenden jungen Mann um uns auf Einladung des Direktors zu einer privaten Besichtigungstour der Steinbrüche und Verarbeitungsstätten abzuholen. Ein weiteres Beispiel für die Freundlichkeit der Menschen in dieser Region. Nachdem wir einen weiteren Hafen auf Marmara besucht hatten, segelten wir nach Canakkale in den Dardanellen und klarierten aus der Türkei aus. Unser nächster Hafen lag auf Limnos, der nächstgelegenen griechischen Insel. Wir sahen uns ein wenig um, besuchten ein interessantes Museum und einige Ausgrabungen und nach drei Tagen ging es mit einem over-night-törn weiter nach Serifos, etwa 170 sm.
   Zügig ging es nach einem Tag Pause weiter Richtung Südspitze der Peloponnes, wo wir Kap Maleas gegen Mitternacht passierten und am folgenden Abend einen Hafen in der Bucht con Kalamata erreichten. Wir ließen die Stella in der guten und sicheren Marina von Kalamata und fuhren ein paar Tage mit einem Mietauto durch die Peloponnes, um alte Erinnerungen an unseren ersten Besuch, der mehr als 30 Jahre zurücklag, aufzufrischen. Manches war besser erschlossen, die Straßen (dank EU-Geldern?) waren besser, aber manches war sehr enttäuschend. Vor allem der Tempel von Bassae, ein früher Tempel aus der klassischen Zeit des alten Griechenlands, spektakulär im Binnenland mit Blick weit nach Westen gelegen, ungewöhnlich gut erhalten, war heute unter einem riesigen Zelt verborgen. Man konnte zwar hinein, aber der Gesamteindruck war völlig verloren. Dieser Tempel war seit unserem ersten Besuch dort immer ein Ort meiner Sehnsucht gewesen, jetzt war er eine Enttäuschung.
   Mykene war glanzvoll, eine beeindruckende Anlage, Nafplion war wieder interessant. Absolut neu für uns war ein Besuch auf der Mani, dem mittleren Finger des südlichen Teils der Peloponnes. Ein karges Land, vom Gebirgszug des Taygetos durchzogen. Berühmter noch als die Landschaft sind ihre Bewohner und deren Architektur. Ein Volk, das sich als Verfolgte aus anderen Gegenden hierher zurückgezogen hatte, wehrhaft und streitbar. Es wohnte daher nicht in Häusern, sondern in Wehrtürmen, in denen große Mengen an Waffen und Munition, Lebensmitteln und Wasser gehortet wurde, um auch Belagerungen durchzustehen. In der Regel stritten sich die verschiedenen Clans untereinander um die Vorherrschaft, tauchte jedoch ein äußerer Feind auf, gab es unverzüglich einen Waffenstillstand, und alle Clans wandten sich gegen den gemeinsamen Feind.
   Heute wird diese kriegerische Vergangenheit touristisch ausgeschlachtet, Hotelneubauten und Feriensiedlungen werden im Stil der Wehrtürme gebaut, alte Wehrtürme werden zu Pensionen umfunktioniert. Wir haben auch eine Nacht in so einem alten Gemäuer verbracht.
Von Kalamata lagen ca. 350 sm vor uns, unser Ziel sollte Syracus auf Sizilien sein. Im Großen und Ganzen war es eine ereignislose Überfahrt, doch als ich in meiner Wache, nach den obligatorischen zehr Minuten wieder rausschauen wollte, zunächst einen Blick auf den GPS, hatte sich unsere Fahrt von etwa 5 Knoten auf 3,6 Knoten verlangsamt und nahm weiter ab. Motorengeräusch unverändert, die Lage des Schiffs auf dem ruhigen Meer unverändert, ein Blick nach draußen, alles o k, nur viel zu langsam. Also, Motor ausgekuppelt – bloß keine Leine in den Propeller kriegen -, dann den Skipper geweckt, schnell noch mal nach draußen und ins Heckwasser geschaut. In dem klaren Wasser waren auf beiden Seiten des Schiffes deutlich je zwei helle Leinen zu sehen, die offensichtlich um den Kiel des Schiffes geschlungen waren und nach hinten auseinander liefen. Wir rollten die Fock ein, um die fahrt vollständig zu verlangsamen und mit der letzten Ruderwirkung drehten wir den Kurs etwas nach Norden. Im Heckwasser konnten wir die Leinen zurückbleiben sehen. Wir werden wohl nie erfahren, was wir dort alles hinter uns hergeschleppt haben. Aber mit ausgerollter Fock und eingekuppeltem Motor ging die Fahrt dann weiter.
   Eine Woche blieben wir in Syracus, viel zu kurz um all die interessanten, alten und schönen Dinge der Stadt und der Insel zu erkunden. Wir denken, dass wir hierher nochmals zurückkehren werden. Wolfgang ging es nicht ganz gut, er hatte bereits abgenommen und verspürte mitten in der Brust einen seltsamen Dauerschmerz. Ein paar Stunden in der Ambulanz des Krankenhauses und wir hatten Klarheit. Reflux der Magensäure in die Speiseröhre hatte hier Schäden hervorgerufen, vielleicht auch die Ursache der Gewichtsabnahme. Medikamente halfen schnell.
   Es war jetzt Anfang Oktober und es wurde im westlichen Mittelmeer herbstlich. In Reggio di Calabria erlebten wir einen unangenehmen Nordsturm. Im Hafenhandbuch stand zwar, dass bei Nordwinden im Hafen ein unangenehmer Schwell stehe, aber so richtig haben wir das nicht ernst genommen. Die Nacht wurde sehr unruhig, wir mussten mehrmals raus (bei Sturm und Regen), Leinen nachsetzen weitere Leinen ausbringen. Der Schlaf war nur kurz und nicht erholsam. Am Morgen lag auf dem Ätna, den man von hier gut sehen kann, eine ordentliche Kappe von Schnee.
   Nach Wetterberuhigung machten wir uns zu unserem nächste Ziel auf, nach Cagliari auf Sardinien, das ca. 400 sm vor uns lag.
30 sm vor Kap Carbonera, der Südostspitze von Sardinien, erwischte uns eine Bö, die etwa 30 Min. mit 50 Knoten wehte, danach reduzierte sich der Wind auf 35 Knoten. Wir hatten versucht, das Segel rechtzeitig zu bergen, aber ein Riss oberhalb des dritten Reffs ließ sich nicht vermeiden. Wir konnten also nicht beidrehen. Da wir keine Lust hatten, noch das Tri-Segel für die 30 sm anzuschlagen, fuhren wir mit einem Knoten Fahrt unter Motor genau gegen den Wind, um nicht von dem sehr schnell zu hohen und steilen Seen aufgewühlten Meer quer geschlagen zu werden. Unsere Hoffnung, dass der Wind zu den vorher herrschenden Bedingungen zurückkehrte (25 Knoten) erfüllte sich nicht. So machten wir uns unter wenig ausgerollter Fock und Motorunterstützung auf den Weg zum Kap, das wir kurz vor Dunkelheit erreichten. Wir fanden dort, wie erwartet, einen ruhigen Ankerplatz, auf dem wir auch den ganzen nächsten Tag blieben. Denn über UKW erhielten wir laufend Wetternachrichten für unsere Gegend: gale-warning force nine. Keine Verlockung, um im nahen Hafen einen Anleger mit „layed mooringlines“ zu fahren. Für die, die dieses System nicht kennen: Der Hafen hat Stege, die weder Pfähle noch finger-pears, noch Bojen haben. Den eigenen Anker darf man auch nicht benutzen. Man muss mit dem Boot ganz an den Steg und mit dem Bootshaken eine dünne, dort befestigte Leine angeln, sie an Deck holen, dann damit zum anderen Ende des Bootes laufen und kräftig ziehen. Dann kommt eine kräftige Festmacherleine aus dem Wasser, die am Grund befestigt ist. Sie wird auf dem Schiff belegt. Erst wenn man diese Leine straff gezogen hat, wird das Boot an der dem Steg abgewandten Seite seitlich stabilisiert. Bei neun Windstärken mit seitlichem Wind sind das keine verlockenden Aussichten. Bei handigem Wetter ist das eine sehr bequeme Art, festzumachen.
   Am nächsten Tag verholten wir in eine Marina in Cagliari, die wir schon von unserer Reise nach Osten kannten. Ein angenehmes Plätzchen.
Es zeigte sich, dass unser Großsegel offensichtlich durch UV-Licht stark geschädigt war. In den letzten zwei Wochen hatten wir bereits zwei Risse repariert und nun noch einer. Wir beschlossen, dass Schiff leichter zu machen und brachten es in den Müll. Das Ersatzgroßsegel stammte von 1985 und wir fragten uns, wie stabil es wohl sei, wenn es auch die meiste Zeit in der sonnenlosen Achterpik verbracht hatte. Die Wetterberichte kündigten bereits alle paar Tage Starkwind für die vor uns liegende Strecke Richtung Gibraltar an, Wolfgang hatte inzwischen in den letzten 8 Wochen 7 kg an Gewicht verloren.
Es brauchte nicht lange, bis wir uns entschieden, die Stella auf Sardinien zu lassen und so schnell wie möglich nach hause zu fliegen. Die Preise für Flugtickets waren erst wieder Anfang November erträglich, so buchten wir einen Flug für den 2. November. Wir fuhren mit einem Zug ganz in den Norden nach Olbia, um uns dort einen empfohlenen Winterplatz in einer Marina anzusehen. Für uns insgesamt zu einsam, ohne Auto oder Motorroller hätten wir dort das Schiff nach unserem Gefühl im Frühjahr nicht überholen mögen.
   Die Fahrt mit der Bahn quer durch die Insel war interessant und hat uns Lust gemacht, im Frühjahr einen längeren Ausflug mit Mietauto zu unternehmen. Es gibt unendlich viele steinzeitliche Monumente auf der Insel. Wir können dann noch mal in alter Historie schwelgen.
Hinter uns lagen 1.300 sm in ca 7 Wochen. Im Großen und Ganzen hatten wir auf dieser Streck und zu dieser Jahreszeit schönen Wind. Gelegentlich, wie immer im Mittelmeer, etwas Flaute oder es war sehr schwachwindig, einmal unterwegs ein wenig zuviel Wind. Aber es war ein schöner Törn.
Also, alle Befunde von Wolfgangs Untersuchungen sind ohne Befund. Mein Bruder (Arzt) meinte dazu, alles Befunde von einem gesunden Mann! War es ein wenig Stress, war es die Geschichte mit der Speiseröhre, die ihn so schwächte? Wie auch immer, er hat sein altes Gewicht zurück!
Anfang April wollen wir nach Cagliari zurückkehren, um Anfang Mai zunächst unseren Weg nach Westen und dann nach Norden fortzusetzen, um Ende August spätestens in Kiel zu sein. Wenn wieder was dazwischen kommt, werden wir für die Stella bestimmt irgendwo ein sicheres Plätzchen finden.

So nun bedanken wir uns schon mal für all die lieben Grüße und guten Wünsche zu Weihnachten und zum neuen Jahr, die wir schon erhalten haben.
Wir selbst wünschen Euch eine schöne und friedliche Weihnachten, besonders all denen, die auf dem Wasser sind, immer fair winds und genug Wasser unterm Kiel. Und für uns alle wünschen wir ein gesundes, neues Jahr und eine handige Segelsaison 2012!
Liebe Grüße
Inge und Wolfgang von der Stella Maris

Bilder zur Reise