Von Kiel nach Griechenland - 2009

Ingeborg Voss und Wolfgang Dinse mit Stella Maris wieder unterwegs...

Hallo Ihr Lieben alle,
fast zweieinhalb Monate ist es her, seid wir uns das letzte Mal gemeldet haben.
Wie damals angekündigt, sind wir von Griechenland zur Kieler Woche nach Hause geflogen und haben ein bisschen das bunte Leben, das internationale Flair und die Windjammerparade genossen. Ja, und nach ca 43 Jahren wiederholte sich ein altes Erlebnis für mich (Inge)! Beim Anlegen (wir sind mit einem guten Freund zur Windjammerparade hinausgefahren) bin ich ins Wasser gefallen. Es war überraschend warm!
Bevor es nun mit dem Bericht beginnt, aber wie immer, all jenen ein großes Dankeschön, die uns geschrieben haben und noch keine individülle Antwort erhielten. Wir freuen uns immer über jede Nachricht oder jeden Reisebericht. Dann begrüßen wir diejenigen, die neu in unserer Empfängerliste sind. Wir freuen uns, dass wir Euch kennen gelernt haben.
Nun aber zu unseren Segelerlebnissen mit der Stella.
Am 26. April war es so weit, wir hatten die Stella seeklar gemacht und mit Lebensmitteln ausgerüstet. So konnten wir Richtung Gibraltar auslaufen. Wie zu erwarten war, kam der Wind direkt von vorn, so kreuzten wir tapfer und kamen nach 4 Tagen (nur 300 sm) bei Porto Santo an, einer kleinen Insel etwas nördlich von Madeira. Hier waren wir bereits 1995 gewesen und haben diese kleine, trockene Insel in unser Herz geschlossen. So gönnten wir uns eine Pause, riefen Dieter Homeier, den TO-Stützpunktleiter und Technischen Berater des Palstek an, den wir auch schon 1995 kennen gelernt hatten. Dieter besuchte uns, und wir verschnackten einen langen Nachmittag auf der Stella.
Wie fast überall, ist die Marina auch auf Porto Santo größer geworden und die Bilder der Yachten an der Kaimauer wurden zahlreicher. Wir fanden die Bilder vieler alter Freunde, und schickten ihnen Fotos soweit wir die email-Anschriften hatten.
Der Wetterbericht verhieß nichts Gutes, so dass wir länger als beabsichtigt blieben und mit einigen Seglern neue Bekanntschaft schlossen.
Am 4. Mai machten wir uns wieder auf den Weg nach Gibraltar. Es lagen noch knapp 600 sm vor uns.
Am 11. Mai war es dann so weit, wir liefen abends mit passender Tide in Gibraltar ein. Der Wind hatte zunächst seine vorherrschende Richtung (NE) beibehalten, so dass wir wieder fürchteten, die ganze Strecke kreuzen zu müssen und, als er dann auf halbem Weg nach Gibraltar auch noch heftig wurde, drehten wir bei. Dann aber drehte der Wind auf NW, und wir konnten unser Ziel direkt anlaufen. Da er teilweise sehr flau war, dauerte es doch noch insgesamt 7 Tage bis wir in Gibraltar fest machen konnten. Zu unserer Enttäuschung wollte keine der beiden Marinas uns aufnehmen. Da es früh im Jahr war, hatten wir gehofft, ohne Schwierigkeiten einen Platz zu bekommen, aber Gibraltar wird von fast allen Yachten, ob sie nun von Ost oder West kommen, angelaufen. Wir mussten also die Nacht auf dem zu Spanien gehörenden Ankerplatz La Linea verbringen. Am folgenden Tag ergatterten wir einen Platz in der Qüensway Quay Marina.
Vier Tage blieben wir in Gibraltar. In der Zeit kamen Wolfgangs Bruder und dessen Frau für einen Tag auf Besuch, da sie in der Nähe von Malaga gerade Urlaub machten. Gemeinsam bewunderten wir der Natur- und „Baudenkmäler reiche Pracht“ in Gibraltar, wobei es sich vorwiegend um die alten Befestigungsanlagen handelte.
Als wir dann wieder segelten, bescherte uns das Seegebiet Alboran einen prachtvollen Westwind. Nur mit der kleinen Genua (16 qm) lief die Stella zeitweise fast 7 Knoten. Dabei gab es anfangs fast keinen Seegang, es war wirklich unvergessliches Segeln. Diese Freude hielt aber nur etwa zehn Stunden, dann nahm der Wind ab und erreichte bald die Windstärken null bis zwei, die uns in den nächsten Tagen erhalten bleiben sollten.
Als übrigens zuvor der Entschluss gefallen war, nicht nach Brasilien zu segeln, hatten wir auch den zusätzlichen Dieselvorrat (in Kanistern an Deck) reduziert. Wir glaubten, nicht mehr so lange Strecken ohne Hafen vor uns zu haben. Dies rächte, sich nun, als wir das im Frühjahr regelmässig windarme westliche Mittelmeer schnell hinter uns haben wollten.
Als der Wind nach den ersten zehn Stunden im Mittelmeer wegblieb, zeigte eine kurze überlegung, dass unsere Dieselvorräte uns keinesfalls sicher bis Sardinien bringen würden. Wir richteten daher den Kurs nach Formentera (der geringste Umweg), um dort nachzutanken. Nach dreieinhalb Tagen hatten wir diese uns wenig einladend erscheinende Insel erreicht.
Auf dem Rückweg aus dem Mittelmeer nach Hause haben wir vor, uns auch im westlichen Teil etwas gründlicher umzusehen. Aber sicher ist, dass wir Formentera kein zweites Mal anlaufen werden. Die Insel ist ziemlich flach, nur ein ganz klein wenig hügelig und bietet den Augen keine Reize, die Orte sind unglaublich verschlafen. Wir fragen uns, was die Touristen, die wir mit den Fähren ankommen sahen, dort wohl anstellen werden?
So sind wir dann auch nach zwei Tagen wieder ausgelaufen, wiederum Cagliari als Ziel. Wir waren gespannt, ob wir diesmal hinkommen würden, denn rund 320 sm lagen vor uns.
Der Deutsche Wetterdienst, dessen detaillierten Wetterbericht für das Mittelmeer wir über Telex gut empfangen konnten, brachte in der Wetterlage: im westlichen Mittelmeer keine Druckunterschiede. Gottlieb (unser Motor) musste uns wieder gute Dienste leisten, aber nach drei Tagen hatten wir den Eindruck, dass uns am Ende vielleicht doch einige Meilen bis Cagliari im Tank fehlen könnten. Wir liefen den nächstgelegenen Hafen auf Sardinien an, Carloforte auf der Sardinien vorgelagerten Insel San Pietro, den uns auch schon ein finnischer Segler empfohlen hatte. Er hatte dort wegen Starkwind Schutz gesucht.
Carloforte ist ein wirklich hübsches kleines Städtchen, heutzutage stark vom Tourismus geprägt. Es hat aber eine sehr besondere Geschichte. Die Einwohner von San Pietro sind keine Sarden, sondern Italiener aus der Gegend von Genua. Sie lebten als Fischer auf der Insel Tabarka vor der nordafrikanischen Küste. Wegen ständiger Überfälle durch tunesische Piraten wurden sie im 18. Jahrhundert auf das fast menschenleere San Pietro umgesiedelt. Etwa fünfzig Jahre danach wurde die gesamte Bevölkerung von tunesischen Piraten entführt und musste von der Regierung gegen viel Lösegeld freigekauft werden. Wir tankten ein wenig (der Diesel musste mit unserer Karre von einer Landtankstelle geholt werden) und machten uns nach 11 Stunden am späten Nachmittag auf den Weg nach Cagliari, wo wir am nächsten Morgen ankamen.
In Cagliari blieben wir zwei Tage, sahen uns ein wenig in der schönen Stadt um und buchten unsere Flüge von Preveza (Griechenland) nach Kiel. Wir glaubten, jetzt abschätzen zu können, wie unser Zeitplan sich entwickeln würde. Auch hier wären wir gerne länger geblieben, aber es sollte weiterhin westliche Winde geben. So liefen wir am 28.5 am späten Vormittag fröhlich von Cagliari aus. Als ca. dreißig Meilen hinter uns lagen, bemerkte Wolfgang trocken: wir haben vergessen zu tanken! Und das im oft flauen westlichen Mittelmeer. Vor uns lagen eigentlich noch etwa 250 sm bis Milazzo. Die Inventur der Treibstoffvorräte ergab knapp siebzig Liter einschließlich fünf Liter Benzin ohne jedoch fünf Liter Petroleum. Ein Blick auf die Seekarte zeigte, dass wir die NW-Ecke von Sizilien erreichen könnten, wenn uns für mindestens dreissig Meilen Wind beschert würde. Wir hatten gerade etwas Wind und beteten zu allen Göttern der Meere und der Winde, uns diese Gunst länger zu gewähren und segelten weiter. Bald war es nichts mehr mit dem Wind, nach einigen Stunden bei 1,5 bis 2 Knoten und quälender Arbeit an der Pinne gaben wir auf und starteten die Maschine. Nach vier Stunden stand ein kleiner Nordwind auf, der uns sechzig Meilen weit segeln ließ. Als dann wieder Flaute herrschte, motorten wir mit sicherem Dieselvorrat nach San Vito lo Capo, (wo wir morgens ankamen) einem Ferienort mit intensivem Strandleben und einer teuren und miesen Marina. Einen Tag später, am 1.Juni hätten wir pro Tag 50 Euro zu zahlen ohne Duschen und Toiletten, ohne wifi und ohne Unterstützung beim Anlegen (Mooringlines). Auch die Nachbarn, die in ihren Cockpits sassen (Einheimische) grüßten weder noch fassten sie zu oder reichten eine Mooringleine an. Da noch gerade Mai war, kostete es nur die Hälfte. Nach ca. elf Stunden liefen wir wieder aus, um in einem Nachttörn Milazzo zu erreichen, wo wir so starten wollten, dass wir in der Straße von Messina den nach Süden setzenden Strom erreichten.
Milazzo erreichten wir am folgenden Abend, einem Sonntag. Die Seepromenade war voller Leben, viele Fußgänger flanierten dort entlang, die Restaurants waren voll besetzt und auf der Straße fuhren Autos und Motorräder/Roller langsam Stoßstange an Stoßstange. Wir sind dort Essen gegangen und haben die gute Sizilianische Küche genossen.
Am nächsten Vormittag liefen wir erneut aus, dümpelten vor der Nordostspitze Siziliens noch ein Stündchen herum, um den mitlaufenden Strom zu erwischen und richteten dann den Kurs in die Strasse von Messina. Anfangs lief es gut mit mehr als fünf Knoten bei Gegenwind. Dann nahm der SW zu und wurde heftig und wir machten nur noch knapp drei Knoten über Grund. Wo war der mitsetzende Strom geblieben? Wir überprüften die Tidenangaben und unsere Berechnungen. Es stimmte alles. Abends hatten wir Reggio di Calabria erreicht, der erste brauchbare Hafen in der Messinastrasse, wenn man von Norden kommt. Vor dem Hafen kamen laufend Löschflugzeuge auf das Wasser herunter, um sich mit Löschwasser vollzusaugen und dann zum Brandherd irgendwo im Hinterland abzudrehen.
Wir blieben eine Nacht. Im Hafen lag eine unter Deutscher Flagge fahrende ca. 18 m Lange Motoryacht. Ein Crewmitglied erzählte uns, dass ein anderer der Crew in seiner Wache das Boot am Eingang der Messinastrasse nachts in ein im Durchmesser etwa 25 m grosses Fischzuchtnetz mit Schwung hinein gefahren habe. Sie haben dort fünf Tage drin gesessen, bis die Schwimmer der Netze untergingen und sie mit leicht beschädigten Schrauben die Fahrt nach Reggio di Calabria fortsetzen konnten. Die Schadensersatzansprüche des Fischzüchters sollen unglaublich hoch gewesen sein. Die Mannschaft wurde von einem Vertreter ihrer Versicherung unterstützt und es wurde ihnen empfohlen, am nächsten Tag Italien so schnell wie möglich zu verlassen, um einer Beschlagnahme ihres Schiffes zu entgehen.
Wir liefen am nächsten Morgen deutlich früher aus als sie. Später überholte uns eine grosse Motoryacht. Vielleicht waren sie es.
Vor uns lagen 260 sm bis Preveza, unserem Zielhafen. Es wehte ein leichter Nordwind so dass wir entlang der Küste traumhaft schönes Segeln nach Süden hatten. Als wir um die Ecke nach Osten bogen an der Zehenspitze des Stiefels, kamen wir ein wenig in die Windabdeckung, es wurde flau und abends blieb der Wind wieder ganz weg. Am nächsten Vormittag stand der Maestrale, der hier im ionischen Meer vorherrschende Nordwestwind, wieder auf und wir konnten den ganzen Tag segeln. Dann das gleiche Spiel, tags Wind, nachts Flaute. Wären wir dann in der dritten Nacht wieder motort, wären wir irgendwann gegen zwei Uhr bei totaler Dunkelheit in Preveza angekommen. So beschlossen wir, so lange zu segeln, dass wir erst bei Tageslicht ankommen würden. Es war aber mal wieder sehr mühselig. Kasimir, die Windsteüranlage, hielt die Stella nicht mehr auf Kurs und für James, die elektrische Selbststeüranlage fehlte der Strom. So sassen wir viele Stunden an der Pinne bis es Zeit war, den Motor zu starten. Mit 3,5 Knoten legten wir die letzten Meilen zurück. Gegen sechs wurde ich (Inge) von Stimmen geweckt. Wir hatten die Ansteürungstonne von Preveza erreicht und wurden von einer auslaufenden schwedischen Yacht begrüsst. Es stellte sich heraus, dass es die Li war, mit der wir 2001 in New York und in der Chesapäke Bay und dann zum letzten mal in Savusavu (Fifji) zusammengetroffen waren. Leider war dies der einzige Kontakt. Wir liefen Preveza an (5. Juni), klarierten nach Griechenland ein und verholten auf die andere Seite der Bucht nach Aktio, wo es eine gute Marina und drei Unternehmen gibt, bei denen man an Land stehen kann. Wir waren so rechtzeitig in Preveza angekommen, um vor unserem Flug am 16.Juni nach Kiel die vorgesehenen überholungsarbeiten durchzuführen.
Wir verabredeten, am 9. Juni an Land zu gehen. Zuvor war das griechische Pfingstfest, wodurch wir so lange warten mussten. An Land begannen wir mit den Überholungsarbeiten. Es waren einige kleinere Farbschäden am Unterwasserschiff zu sanieren und dann vor allem war neues Gift zu malen. Die Stella war seit dem letzten Anstrich in Kiel vierzehn Monate im Wasser und war etwa achttausend Seemeilen gesegelt. Wolfgang hatte einige technische Probleme zu lösen. Zwei davon warten noch auf uns, (Ersatzteile und spezielles Werkzeug) wenn wir am 14.Juli zurück fliegen.
Am 26 . Juli wollen wir dann in Aegina sein, einer Insel vor Athen, um Freunde für vier Wochen Segelei in der Ägäis an Bord zu nehmen. Bis Ägina sind es von Preveza ca 200 sm, wenn man durch den Kanal von Korinth fährt. Um den Pelepones herum wäre es deutlich weiter.
Den Rest der Segelsaison (voraussichtlich bis Mitte November) wollen wir in Griechischen und Türkischen Gewässern verbringen, um anschließend im Winter in Kiel zu sein. Spätestens dann wollen wir wieder von uns hören lassen.

Liebe Grüsse
Inge und Wolfgang von der Stella Maris

Blick auf Marakko
Porto Santo
Reede von Gibraltar
San Vito
Tarifa