Vom Panama nach Australien

Alles hatte damit angefangen, dass ich im Frühjahr 2009 über  meinen siebzigsten Geburtstag nachdachte. Es war nicht zu ändern, im nächsten Jahr würde er stattfinden. Wie wollte oder sollte ich ihn feiern?   Schnell war klar, dass ich, statt der Mittelpunkt einer Familienfeier zu sein, lieber „auf Reisen“ sein wollte. Nachdem ich viele Segelreisen im Atlantik hinter mir hatte, gab es schon lange die Idee, den Pazifik und speziell die Südsee zu besuchen.  Aber wo sollte das passende Boot dafür herkommen?  Pläne für eine Langzeitcharter ab Neuseeland waren nicht zu realisieren, der Kauf eines Bootes z.B. in Neuseeland, um es dann nach einem Jahr in der Südsee wieder zu verkaufen, war von Deutschland aus schwierig zu organisieren.  Dann sprach ich mit meinem langjährigen Berliner Segelfreund Peter, der etwas jünger als ich, ebenfalls gern Langstrecken segelt. Sein schönes Boot „Freya“, eine in Argentinien gebaute Ketsch von 44 Fuß Länge,  lag zu der Zeit in Maine an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Als ich ihn fragte, ob wir zusammen in den Pazifik segeln sollten, war die  spontane Antwort „mit Dir sofort“!
 So planten wir ab dem Sommer 2009 unsere Südseefahrt. Das Boot war schon perfekt ausgestattet. Die Segelgarderobe wurde für das  Raumschotsegeln im Passat noch um ein Besanstagsegel und einen Spinnaker ergänzt. Wir installierten außerdem ein Satellitentelefon und schlossen einen Vertrag mit der Kieler Firma Wetterwelt ab, die uns regelmäßig  Wetterdaten als Gribfiles per Satellit  zuschicken sollte. Für die  elektronische  Navigation mit Maxsea/C-Map hatten wir einen festeingebauten Bordrechner und mehrere Laptops. Zur Sicherheit nahm ich noch meinen ziemlich eingestaubten Sextanten und die Nautischen Tafeln mit. Die Seekarten und Handbücher bestellte mein Freund in den USA. In der Zeit von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 2009 segelten wir die „Freya“ zu dritt von New York nach Panama über Bahamas, Kuba und Jamaica (rd. 2.500 Meilen). Darüber hatte ich bereits in einer früheren Ausgabe der KYC-Nachrichten berichtet.
 In der Shelter Bay- Marina nahe Colon am Eingang des Panama-Kanals holten wir die „Freya“ aus dem Wasser und verpassten ihr ein frisches Antifouling. Mit der Hilfe eines einheimischen Agenten namens Tito meldeten wir uns für die Kanalpassage an. Da hier viele Behördengänge nötig sind und dort in der Regel nur spanisch gesprochen wird, war der Agent sehr hilfreich. Wir hatten vorher viele Geschichten über die Schwierigkeiten mit der Kanalverwaltung, lange Wartezeiten und die Willkür der Behörden gehört. Das traf für uns  nicht zu. Wir mussten zwar viele verschiedene Dienststellen besuchen und zahlreiche Papiere ausfüllen, aber alle Leute waren freundlich. So konnten wir unseren Termin für das Durchfahren des Panama-Kanals innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens von 60 Tagen selbst  auswählen. Uns war empfohlen worden, in Panama allen haltbaren Proviant für die gesamte  Pazifikreise zu kaufen, weil er hier preiswert ist und auch ein gutes Angebot vorhanden ist. So stapelten sich in allen Schapps, aber auch in Waschkörben, die wir im Vorschiff verzurrt hatten, große Mengen von Lebensmitteln.
In den Weihnachtstagen war ich im „Heimaturlaub“ bei meiner Familie in Hamburg. Als ich Anfang Januar am Flughafen von Panama- City von einem Taxifahrer abgeholt wurde, hielt der ein großes Schild mit der Aufschrift „Peter, Freya“ und einem aufgemalten Hakenkreuz hoch. Was das Hakenkreuz sollte, konnte ich nicht herausbekommen, denn er sprach nur spanisch. Vermutlich sollte es nur heißen  “kommt aus Deutschland“.

Panama-Kanal
  Am 13. Januar geht es dann endlich los. Wir haben zehn zusätzliche Fender ausgeliehen. Es sind Autoreifen, die mit Müllbeuteln verkleidet sind. Außerdem haben wir vier  lange Festmacher von 40 Meter Länge an Deck bereitgelegt, die wir ebenfalls für die Kanalfahrt geliehen haben. Wir haben zwei  einheimische Helfer als „Linehander“ engagiert, so dass wir mit dem Skipper und seiner Frau Jytte fünf Personen an Bord sind. Die Kanalverwaltung verlangt vier Linehander, der Skipper kann also bei der Schleusenarbeit am Ruder bleiben. Am Morgen hatten wir per Telefon den exakten Zeitpunkt für das Treffen mit dem Kanal-Lotsen bekommen. Wir segeln von der Marina zu einer Reede vor dem Kanaleingang, nehmen  gegen 17 Uhr den Lotsen auf und fahren unter Maschine zusammen mit einem großen Motorsegler vor die erste Schleuse. Dort bilden wir mit dem Motorsegler ein Päckchen und fahren in die erste Schleuse ein. Sie ist riesig. Vor uns liegen schon ein Küstenmotorschiff und ein Schlepper. Von den Schleusenseiten werfen uns Schleusenarbeiter ihre langen Wurfleinen zu. Daran knoten wir unsere Festmacher, die  an den Schleusenseiten belegt werden. Die Schleusenkammer füllt sich über Öffnungen im Boden mit Wasser. Dabei entstehen mächtige Wirbel. Wir halten alle Festmacher beim Aufschleusen so stramm, dass sich unsere Boote immer in der Schleusenmitte halten. Dann folgen noch zwei weitere Schleusenkammern, bis wir rd. 26 Meter über dem Meeresspiegel die Schleusentreppe verlassen und in den Gatun-See einlaufen. Wir lösen das Päckchen wieder auf. Inzwischen ist es längst dunkel geworden.  Der Motorsegler geht durch die Nacht weiter, während wir nach Anweisung des Lotsen im Gatunsee eine Muring nehmen. Hier übernachten wir. Unsere einheimischen Helfer schlafen an Deck, der Lotse wird von einem Versetzboot abgeholt.

Am nächsten Morgen hören wir die Affen im nahegelegenen Urwald schreien. Der neue Lotse kommt an Bord. Er weist uns den Weg über den riesigen Gatun-See. Dieser ist künstlich aufgestaut und voller bewaldeter Inseln. Das Fahrwasser ist mit Tonnen gut gekennzeichnet. Am Ende des Sees geht das Fahrwasser in einen Fluss, später in einen Kanal über. An den Ufern wird viel gebaut, um den Kanal zu verbreitern. Uns begegnen einige große Frachter und ein Kreuzfahrtschiff. Nach rd. 28 Meilen kommen wir bei den Miraflores-Schleusen an, die uns zum Pazifik führen sollen. Nach der ersten Schleuse folgt eine Doppelschleuse. Das Abschleusen  ist etwas einfacher. Das Wasser läuft durch Öffnungen im  Schleusenboden ab, so dass keine Strömung entsteht. Inzwischen sind wir routiniert im Umgang mit den langen Festmachern. Mittags haben wir den Pazifik erreicht. Der Lotse verabschiedet sich. Wir legen kurz vor der Stadt Balboa an, um unsere beiden Helfer abzusetzen, die auch die Reifenfender und die langen Festmacher mitnehmen. Wir laufen dann zur Flamenco Bay-Marina, die zu einem Vorort von Panama-City gehört. Hier liegen nur riesige Motoryachten und Hochsee-Angelboote. Uns wollen sie erst gar nicht in der Marina zulassen, weil alle Plätze fest vermietet sind. Wir bleiben dann aber doch einen  Tag, an dem wir die elektrische Ankerwinsch ausbauen und reparieren. Ein Kabelanschluss am Relais war abgebrochen. Außerdem holen wir uns in einem supermodernen Krankenhaus in Panama-City noch Bescheinigungen ab, dass wir nicht mit der Schweinegrippe infiziert sind. Angeblich brauchen wir die Bescheinigung beim Einklarieren auf den Galapagos-Inseln.

Galapagos

Bei mittleren südlichen Winden segeln wir in sechs Tagen rd. 890 Meilen  zur östlichsten Insel der Galapagos-Gruppe. Sie heißt San Christobal. In der geschützten Wreck Bay liegt der Hauptort Baquerizo Moreno, vor dem wir in einem Feld von Fischer- und Ausflugsbooten ankern. Außer uns liegt hier nur noch ein weiteres Segelboot aus Holland. Nach wenigen Minuten kommt der Hafenmeister mit einem kleinen Boot zu uns. Da er nur spanisch spricht, fragen wir ihn nach einem Agenten, der kurz danach erscheint. Dieser erledigt für uns alle Einreiseformalitäten. Wir hatten viele schlimme Geschichten über die Behörden und die Willkür der Hafenmeister auf den Galapagos-Inseln gehört. Wir werden dagegen sehr korrekt und höflich behandelt. Medizinische Bescheinigungen und Impfpässe will keiner sehen. Wir dürfen 20 Tage auf Galapagos bleiben, allerdings nur auf diesem einen Ankerplatz. Eine Genehmigung zum Besuch der weiteren Inseln mit unserem Boot hätten wir sehr viel umständlicher und schon von zu Hause aus beim Marine-Ministerium in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito beantragen müssen. So nehmen wir gern das Angebot einer Reiseagentur an, mit einer kleinen Gruppe mit einem Motorboot zu mehreren Inseln zu fahren und dort Ausflüge zu unternehmen. Vorher feiern wir aber meinen 70. Geburtstag im Garten  eines kleinen Restaurants des Ortes.
Die viertägige Rundreise mit einer kleinen internationalen Reisegruppe von 16 Personen auf dem schnellen Motorboot „Marie-Ann“ führt uns erst zur Insel Floreana, dann zur größten Insel der Galapagos-Gruppe Isabela und zum Schluss zur Insel Santa Cruz, bevor es nach San Christobal zurück geht. Der kleine Kabinenkreuzer läuft mit zwei großen Außenbordmotoren rd. 20 Knoten, so dass wir die Distanzen zwischen den verschiedenen Inseln von 40 – 50 Meilen schnell zurücklegen. Zwischendurch haben wir Gelegenheiten zum Schnorcheln und dem Beobachten seltener Wasservögel. Auf Isabela gibt es zum Beispiel sehr kleine Pinguine, nur 30 Zentimeter hoch. Das Programm der Reise ist umfangreich. Wir sehen unter der Leitung eines erfahrenen Führers viel von den vulkanischen Insellandschaften und den ungewöhnlichen Bewohnern wie riesigen Landschildkröten und Leguanen. Abends fallen wir erschöpft in die Betten netter kleiner Hotels. Zurück in San Christobal verbringen wir noch einige Tage mit Reparaturen und Provianteinkäufen, außerdem mit Baden und Schnorcheln. Unser neues Crewmitglied Wolfgang ist inzwischen angekommen und löst die Frau des Skippers ab, die nach Deutschland zurückfliegt.
Am 13. Februar lichten wir den Anker, nachdem wir ausklariert hatten, und segeln aus der Wreck Bay nach Süden. Wir wollen zur Osterinsel, die in rd. 2.000 Meilen Entfernung liegt. Die übliche Route in die Südsee geht nach Osten zu den Marquesas. Dafür sind wir aber zu früh unterwegs, denn bis Mitte April besteht dort noch die Gefahr von Hurrikans. Deshalb gehen wir zunächst nach Süden aus dem Hurrikangürtel hinaus. Wir brauchen nur 13 Tage bis zur Osterinsel, die Etmale liegen zwischen 150 und 180 Meilen, weil wir mittleren bis kräftigen Wind aus Südost haben. Meistens segeln wir bei halbem Wind nur mit der Genua und dem Besan, das Großsegel bleibt unten. Am 16. Februar versagt der Autopilot, ein 12 mm dicker Bolzen zum Ruderarm ist abgebrochen. Die Reparatur dauert fast fünf Stunden, weil der Antrieb des Autopiloten nur schlecht zu erreichen ist. Die letzten zwei Tage haben wir typisches Passatwetter, blauer Himmel, Schäfchenwolken, blaues Wasser und schöne Sonnenuntergänge. Die sonst vorherrschende gegenanlaufende Strömung des Humboldtstroms ist ausgeblieben. Unter den Seglern wird viel darüber gesprochen, dass es sich um ein untypisches „El Nino“-Jahr handelt, in dem die normalen Meeresströmungen nicht vorhanden sind. Es ist aber kälter geworden, vor allem nachts brauche ich wieder eine lange Hose und einen Anorak.

Osterinsel

 Am Morgen des 26. Februar sichten wir die Osterinsel. Wir ankern ziemlich ungeschützt vor dem Hauptort Hanga Roa. Sechs Yachten liegen hier schon, zwei aus der Schweiz, je eine aus Holland,  Südafrika, Schweden und England. Wir melden uns für das Einklarieren und bald kommt eine große Delegation von Offiziellen auf einem Versetzboot zu unserem Ankerplatz. Als Erstes fahren sie uns trotz Fender mal eben kräftig in die Seite. Dann werden unsere Pässe kontrolliert, viele Fragebögen ausgefüllt und einige Lebensmittel beschlagnahmt. Alle sind aber sehr freundlich. Die Gebühren können wir später bezahlen, da wir keine einheimische Währung haben.  
Als wir mit unserem kleinen Dinghy zum kleinen Bootshafen von Hanga Roa fahren, werden wir von einer hohen Dünung überrascht. Während die Surfer sich über die brechenden Wellen freuen, müssen wir aufpassen, dass wir einigermaßen trocken an Land kommen. Bei den nächsten Dinghyfahrten verstauen wir unsere Kleidung in Plastiksäcken und fahren in Badehose zum Hafen. Am nächsten Morgen werden wir sehr früh geweckt. Der Schweizer Segler Rudi erzählt, dass er von der örtlichen Marine gebeten wurde, alle ankernden Boote zu warnen. Es soll in Kürze eine Tsunamiwelle auf die Osterinsel zulaufen. Wir schalten unser UKW-Gerät ein und warten auf weitere Informationen. Ab 7 Uhr gehen alle Boote Anker auf und laufen in tiefes Wasser. Um 10 Uhr gibt die Marine Entwarnung und wir können wieder auf den alten Ankerplatz zurück. Von der Tsunamiwelle haben wir nichts gespürt. Auch an Land sind die Schäden gering. Erst später erfahren wir über das Internet von dem Erdbeben in Chile als Ursache für den Tsunami. Unsere Angehörigen in Deutschland waren durch dramatische Meldungen im Fernsehen schon sehr beunruhigt. So hieß es, die Osterinsel würde evakuiert.
Wir bleiben drei Tage auf der Osterinsel und mieten einen Geländewagen, um sie zu erkunden. Es gibt neben einer durchaus lieblichen Landschaft vor allem die rätselhaften Zeugnisse früherer Kulturen zu besichtigen. Vor allem die unzähligen riesigen Steinfiguren sind zu sehen, teilweise restauriert und in Reihen aufgestellt, teilweise umgefallen und verwittert. Sie heißen „Moai“. Die Gesichter der männlichen Figuren sind alle fast gleich, als wenn hier eine Massenproduktion der immer gleichen Figur vorgenommen wurde. Manche Figuren, die aus dunklem Lavagestein gefertigt sind, tragen merkwürdige zylinderförmige Hüte aus rotem Gestein, das nur an einer bestimmten Stelle der Insel zu finden ist. Im Nordosten der Insel gibt es einen Berg, aus dem die Figuren herausgearbeitet worden sind. Hier sind unzählige angefangene, halbfertige, zum Teil eingegrabene Figuren zu sehen, als hätten die Bewohner damals die Stelle in großer Hast verlassen. Besonders eindrucksvoll ist eine polynesische Kultstätte am Rande eines riesigen Vulkankraters im äußersten Süden der Insel namens „Orongo“ mit runden Steinhütten für die Pilger und in Steinen eingearbeitete Darstellungen, z.B. des „birdman“, einer mystischen Figur halb Mensch, halb Vogel. Die Osterinsel, obwohl rd. 1.300 Meilen von der nächsten polynesischen Insel entfernt, ist ein Eckpunkt des polynesischen Dreiecks. Die anderen Begrenzungspunkte dieses riesigen, von Polynesiern beherrschten Gebietes sind Neuseeland und Hawaii.

 Am 2. März verlassen wir die Osterinsel mit dem Ziel Pitcairn, nachdem wir wieder eine eindrucksvolle Ausklarierung hinter uns gebracht haben. Diese Mal ist die Behördendelegation kleiner, nur 4 Personen. Wir haben leichten Wind aus Nord, der später auf Südwest dreht und wir kommen nur langsam voran. Eine Zeitlang ist es so flau, dass wir die schlagenden Segel bergen und uns treiben lassen. Das Wasser ist strahlend blau und so klar, dass ich meine, in große Tiefen sehen zu können. Irgendwann kommt neuer Wind aus Nord, nimmt dann auch zu auf 7 Windstärken. Wir haben hohen Seegang und kaltes Nordseewetter. Einmal wird sogar das Cockpit geflutet. Man kann nicht glauben, dass wir in der Südsee segeln. Nach 24 Stunden ist Alles vorbei und wir haben wieder den Südost-Passat. Vor Pitcairn müssen wir unsere Fahrt reduzieren, da wir sonst in der Nacht angekommen wären.

Pitcairn

 Nach rd. 1.300 Meilen und 10 Segeltagen melden wir uns per UKW in Pitcairn an. Auf meine Frage, wie denn die Bedingungen für das Ankern in der Bounty Bay seien, meint der Funker „pretty good“. Zu unserer Überraschung liegen schon zwei Yachten vor Anker, denn die abgelegene Insel wird nur selten von Seglern besucht. Später erfahren wir, dass pro Jahr nur rd. 20 Boote den Weg hierher finden. Der Ankerplatz ist sehr ungeschützt und die Boote arbeiten mächtig an ihren Ankerketten.  Es hat keinen Sinn, bei diesem Schwell mit dem Dinghy an Land zu gehen. Die Inselbewohner organisieren einen Fährdienst mit ihrem Longboat. Das kleine Hafenbecken von Adamstown wird alle paar Minuten von dem Schwell überflutet und wir müssen rasch an Land springen, bevor die nächste Welle kommt.  Wir werden schon erwartet. Selbst hier gibt es Behördenvertreter, die unsere Pässe abstempeln und Vordrucke ausfüllen. Dann werden wir mit kleinen allradgetriebenen offenen Fahrzeugen („Quad Bikes“) den steilen Weg zum Ort Adamstown gefahren. Auf Pitcairn leben zurzeit 60 Leute, die meisten sind Nachfahren der Bounty-Meuterer und haben als Familiennamen „Christian“ (er war der Anführer der Meuterer) oder „Warren“. Der Ort besteht nur aus einem kommunalen Gebäude, einer Kirche und einigen einfachen Hütten. Pitcairn ist eine hohe vulkanische Insel mit tropischer Vegetation. Eigentlich ist sie ein Paradies, alles wächst hier wild. Im Gegensatz zu den meisten anderen polynesischen Inseln fehlt aber der schützende Riffsaum. Deshalb beschließen wir, nach kurzem Aufenthalt weiterzusegeln, denn der Ankerplatz ist uns nicht sicher genug. In den sechs Stunden, die wir auf Pitcairn verbringen, lernen wir den Bürgermeister, den Pfarrer und viele Einwohner kennen. Wir werden zu einem üppigen Feiertags-Brunch eingeladen. Dann geht es mit dem Longboat zurück an Bord.

Gambier

Nach zwei Tagen kommen wir zu unserer ersten „richtigen“ Südseeinsel. Das Atoll von Gambier ist so, wie wir uns die Südsee vorstellen, eine riesige geschützte Lagune mit vielen pittoresken kleinen Inseln. In der Lagune liegen viele Perlenfarmen, deren Austern die berühmten schwarzen Perlen produzieren. Wir ankern vor dem Hauptort Rikitea auf der Insel Mangareva. Hier ankern schon 10 Yachten, teilweise schon eine längere Zeit, weil sie die hurrikanfreie Zeit abwarten, bevor sie nach Tahiti weiterziehen. In Rikitea wohnt Fritz, ein Deutscher, der als junger Mann und Fremdenlegionär in Gambier stationiert war und eine Einheimische heiratete.  Er betreibt seit 35 Jahren einen Stützpunkt des Vereins „Transocean“ und kümmert sich rührend um die Segler. Er freut sich über unseren Besuch, da er nun endlich mal wieder deutsch sprechen kann. Wir wussten von seiner Vorliebe für alte deutsche Schlager und haben deshalb aus Deutschland einen Packen CDs mitgebracht (Heino usw.). In den folgenden Tagen schauen wir regelmäßig bei ihm vorbei und helfen ihm, seinen Biervorrat zu verkleinern. Die erste deutsche Yacht, die von Fritz in Gambier betreut wurde, war übrigens die „Talofa Lee“, KYC, von Hildegard und Jens Bodendieck. Eine seine Töchter hat er sogar nach Hildegard benannt. Wir kochen mit ihm, reparieren die Kupplung seines kleinen LKw`s und er erzählt aus seinem Leben. Bei unserem Abschied hat er vor seinem Haus über die Toppen geflaggt. Wir haben noch etwas Zeit bis zur Weiterreise, weil unser Crewmitglied Wolfgang von hier aus erst am 27. März nach Deutschland zurückfliegt. So suchen wir noch am Außenriff einen schönen Ankerplatz zum Schnorcheln und zur Kokosnuss-Ernte. Am Abflugtag bringen wir Wolfgang mit dem Boot zum Flughafen, der auf einer langgestreckten unbewohnten Insel liegt.

Tuamotus

Wir segeln nun zu zweit weiter. Vor uns liegt die Gruppe der Tuamotus, ein riesiges Gebiet, das sich über 1.000 Meilen bis auf die Höhe von Tahiti erstreckt und voller flacher Atolle ist. Das sind große Ringatolle von bis zu 30 Meilen Durchmesser. Der Rand ist schmal und flach, meistens mit Palmen bewachsen. Früher wurde das Gebiet der Tuamotus von der Schifffahrt gemieden, weil die flachen Inseln erst sehr spät ausgemacht werden können. Heute mit der GPS-Navigation ist das natürlich kein Problem. Ein Problem können aber die Einfahrten in die Lagunen sein, denn sie sind oft nur schmal. Wenn man sie zur falschen Zeit befährt, haben sie eine kräftige Strömung und hohe stehende Wellen. Es empfiehlt sich also, die Einfahrten bei Stauwasser zu befahren. Dafür brauchen wir aber gute Gezeitenangaben, die wir uns aus einem englischen Computerprogramm „Tide Wizard“ holen. Für 2300 Punkte der Erde  liefert das Programm die notwendigen Daten. Wir haben uns entschieden, auf der Strecke nach Tahiti vier Atolle anzulaufen. Uns liegen einige Berichte anderer Segler aus den Transocean-Nachrichten vor, die  für uns gute Informationen bieten. Nach 500 Meilen, die wir in vier Tagen zurücklegen, laufen wir das erste Atoll Hao an. Es war der Hauptstützpunkt der französischen Marine bei der Vorbereitung der Atombombenversuche auf Mururoa. Jetzt leben auf Hao rd. 2000 Menschen, die wegen der Bombenversuche von ihren Inseln hierher umgesiedelt wurden. Der Ort Otepa sieht ziemlich traurig aus. Die Einwohner in ihren Einheitshäusern leben offenbar überwiegend von der französischen Wohlfahrt. Große militärische Anlagen sind verlassen und verfallen. Wir liegen als einziges Boot in einem verlassenen Hafenbecken der Militärs.

Als wir zu unserem zweiten Atoll aufbrechen, kommen wir zu spät an der Riffpassage an. Wir haben Strömung von drei Knoten gegen einen Wind von 5 Windstärken. Entsprechend kocht das Wasser in der Einfahrt und grünes (eigentlich blaues) Wasser kommt an Deck und ins Cockpit. Nach zwei Tagen stehen wir vor dem unbewohnten Atoll Tahanea. Dieses Mal stimmt unsere Zeit und die Riffeinfahrt ist einfach. Wir sind das einzige Boot in der großen Lagune. Als der Anker fällt, umkreisen  mindestens zehn Schwarzspitzen-Haie unseren Liegeplatz. Sie sollen harmlos sein, solange sie unter zwei Meter lang sind. Als wir am Nachmittag schnorcheln, kommt so ein Hai bis auf Armlänge auf mich zu.  Dann dreht er lässig ab, er war wohl unter zwei Meter! Noch im Dunkeln laufen wir am nächsten Morgen aus, um das Stauwasser in der Einfahrt nicht zu verpassen. Eine wirklich gute Einrichtung bei der elektronischen Navigation ist die „Track-Funktion“. So können wir im Dunkeln auf der Kurslinie unserer Einfahrt das Atoll wieder sicher verlassen. Nachmittags sind wir schon bei dem bei Sporttauchern bekannten Atoll Fakarava. Wir ankern hinter der kleinen Insel Tetamanu, wo früher eine größere Ansiedlung von Fischern gewesen ist. Jetzt ist alles verlassen. Es gibt nur eine gut erhaltene Kirche aus dem 19. Jahrhundert und eine Tauchsportbasis mit einigen Hütten. Das Schnorcheln ist phantastisch. Das Wasser ist sehr klar und die Unterwasserwelt bunt und abwechslungsreich.
Als wir zwei Tage später Anker auf gehen wollen, haben wir große Schwierigkeiten. Die Ankerkette hat sich unter zwei Korallenstöcken verhakt. Erst nach mehreren Stunden kommt die Kette wieder frei, nachdem mein Skipper mir im Wasser tauchend  signalisiert hat, wie ich unser Boot fahren soll, um die Kette zwischen den Korallen auszufädeln. Wir verlassen die Lagune von Fakarava über eine zweite Riffpassage im Norden und laufen zum Atoll Toau. Dort erwartet uns ein besonderes Erlebnis. Im Norden von Toau gibt es eine „falsche“ Riffeinfahrt, die als Sackgasse vor der Lagune endet. In dieser schmalen Bucht hat eine einheimische Fischerfamilie Muringtonnen ausgelegt und betreibt ein kleines Restaurant für durchreisende Segler. Diesen Tipp hatten wir von anderen Seglern bekommen. Die Gastgeber Valentine und Gaston sind sehr charmant und servieren uns abends ein tolles Menü, vor allem mit verschieden zubereiteten Fischen. Neben zwei amerikanischen Gästen und ihrem Führer, die hier fischen wollen, und einem italienischen Einhandsegler sind wir die einzigen Gäste an diesem unvergesslichen Abend. In zwei Tagen erreichen wir von Toau aus Tahiti. Der Wind war leicht und warm, eben so, wie wir das von der Südsee erwarten. Als erstes taucht die Huk „Point Venus“ auf, wo James Cook auf seiner ersten Pazifik-Reise den Durchgang der Venus durch die Sonne beobachtet hat. Wir segeln entlang der Nordküste von Tahiti und an der Kulisse der Hauptstadt Papeete vorbei bis zu einer Riffeinfahrt im Nordwesten, die uns zu der Marina Taina führt. Hier wollen wir einige Tage bleiben, das Boot aufräumen und auf Vordermann bringen, bevor uns unsere Ehefrauen besuchen.

Tahiti – Bora Bora


Nun sind wir in den Gesellschaftsinseln, richtiger den Society-Inseln, wie sie von James Cook zu Ehren seines Auftraggebers, der „Royal Society“, benannt wurden. Sie sind Frankreich in der Südsee. Es gibt die Supermärkte von „Carrefour“, französische Autos und Lebensart. Die Formalitäten zur Einklarierung sind kurz und freundlich. Wir werden allerdings vor Taschendieben gewarnt. Wir mieten für mehrere Tage ein Auto, mit dem wir erst unsere Frauen vom Flughafen abholen, dann Einkäufe tätigen und schließlich mehrere Fahrten auf Tahiti unternehmen. Eine Rundfahrt führt uns zum Gauguin-Museum und zu verschiedenen religiösen Kultstätten. Sie werden offenbar auch heute noch genutzt, wie an frischen Opfergaben zu sehen ist, obwohl die Einwohner Tahitis offiziell Christen sind. Besonders interessant ist eine Fahrt ins gebirgige Inselinnere. Dafür sollte man eigentlich einen Geländewagen nehmen, wie die Schilder am Weg zeigen. Wir schaffen es aber auch mit unserem kleinen Fiat-Panda, obwohl wir über Geröll und teilweise durch Bäche fahren müssen. Das Innere von Tahiti ist wild und fast unbewohnt.

Von Tahiti aus starten wir zu den weiteren Atollen der Gesellschaftsinseln. Meistens erreichen wir in Tagesetappen die nächste Insel. Die Namen sprechen für sich: Moorea, Huahine, Raiatea, Tahaa und Bora-Bora. Die Inseln sind unter Seglern und Touristen berühmt, und das zu recht, denn sie sind traumhaft schön. Erstaunlicherweise sind sie nicht so sehr bevölkert von Touristen, wie wir es erwartet hatten. Auch die Zahl der Segler auf den verschiedenen Ankerplatzen hält sich in Grenzen. Meine persönliche Lieblingsinsel ist Tahaa. Sie ist wenig erschlossen und noch sehr ursprünglich. Wir besuchen bei einer Eco-Tour Vanille-Farmen, wo wir sehen können, wie mühselig der Weg bis zum fertigen Produkt, der getrockneten Vanilleschote ist. So müssen alle Blüten der Rank-Pflanze einzeln künstlich bestäubt werden. Bora-Bora gilt ja als schönste Insel der Welt. Die hohe vulkanische Insel ist von einer zauberhaften Lagune umgeben. Das Wasser in verschiedenen Blau- und Türkisfarben, die weißen Strände und die wilde Vegetation an Land sind geradezu kitschig schön.  Meine Frau fliegt von hier aus über Papeete und Los Angeles nach Hause. Die drei Wochen, die sie auf der „Freya“ zwischen den Gesellschaftsinseln gesegelt ist, sind zu schnell vergangen.

Suwarrow-Atoll

Zwischen Bora-Bora und der Inselgruppe von Tonga liegt das große Gebiet der Cook-Inseln. Das sind einige Stecknadelköpfe auf der Karte, kleine, weit auseinander liegende Atolle. Viele davon sind unbewohnt, einige haben auch keine Riffdurchfahrten, so dass man vor dem Riff ankern muss. Dass das schief gehen kann, weiß man spätestens seit der Strandung der „Seeadler“ unter dem Kapitän Graf Luckner vor Mopelia. Das Atoll Suwarrow liegt für uns günstig als Zwischenstopp. Das eigentlich unbewohnte Atoll ist unter Seglern bekannt geworden, weil hier der neuseeländische Einsiedler Tom Neale von 1952 bis zu seinem Tod im Jahr 1977 gelebt hat. Vorbeireisende Segler hatten ihn besucht und ihn mit Lebensmitteln versorgt. Jetzt ist das Atoll ein Natur-Reservat und wird in der Saison von Rangern bewacht. Wir hatten seit Bora-Bora leichte achterliche Winde. Bei ausgebaumter Genua rollt das Boot fürchterlich. Der Spinnaker fällt bei dem achterlichen Schwell auch schnell ein. Nachts regnet es viel. Die Luken bleiben geschlossen, so dass es im Boot stickig und heiß wird. Die einzige Abwechslung dieser ansonsten ziemlich eintönigen Reise war der Fang einer großen Goldmakrele von 12 Kilo. In die Riffpassage von Suwarrow laufen wir bei Hochwasser ein.  Die Sonne steht schon so hoch, dass wir das Riff und die einzelnen Korallenköpfe in der Einfahrt  gut ausmachen können. Wir ankern im Schutz der kleinen Insel „Anchor Island“, auf der Tom Neale gelebt hat. Wir sind das einzige Boot in der Lagune. Als wir mit dem Beiboot an Land fahren, wissen wir auch warum. Das Besuchen des Atolls ist erst ab dem 1. Juni gestattet. Dieser Hinweis fehlte in unseren Unterlagen. Die Rangerstation ist unbesetzt und sieht ziemlich verwahrlost aus. Alle Hütten stehen offen. Ein kleiner Gedenkstein erinnert an Tom Neale. Die Inschrift lautet „ he lived his dream on this island “. Welcher Traum mag das gewesen sein, der sich für ihn auf diesem eintönigen Eiland erfüllt hat? Wir bleiben einen Tag auf Suwarrow, ernten Kokosnüsse und erkunden die Insel. Da mit Schildern am Strand vor Haien gewarnt wird, verzichten wir auf das Schnorcheln und Baden. Bei Hochwasser verlassen wir das Atoll wieder. Der Passatwind hat auf 5-6 Bft. zugelegt. Wir machen hohe Fahrt und erreichen in zwei Tagen die rd. 480 Meilen entfernte östlichste Insel der Samoa-Gruppe namens Tutuila. Sie ist die Hauptinsel von American Samoa. In einer sehr geschützten tiefen Bucht liegt der Hafen Pago Pago, wo wir an einem verlassenen Katamaran längsseits festmachen.

Samoa

Pago Pago hatte im Herbst 2009 eine schwere Tsunami-Welle erlebt. Viele Gebäude am Ende der Bucht sind zerstört, mehrere Fischerboote sind an Land geschwemmt worden. Wir hören davon, dass einige Segler einschließlich ihrer Muringtonnen von der Welle einige hundert Meter  mitgerissen wurden. Jetzt liegen nur wenige Boote vor Anker oder an den restlichen Murings. An unserem Liegeplatz an der Außenmole des Smallboat-Harbours liegen mehrere große Boote, die von dem Tsunami beschädigt worden waren und nun von Einheimischen wieder hergerichtet werden. Außer uns liegt nur noch der Amerikaner Joe mit seiner großen Ketsch und seinem Bordhund „Tender“ hier. Er hilft uns beim Festmachen, eine auffallende Gestalt, etwa 60 Jahre alt, mit Pferdeschwanzfrisur und reichlich tätowiert. Er war wohl früher ein erfolgreicher Geschäftsmann in Arizona, hat zu Hause alle Brücken abgebrochen, sich scheiden lassen und ist jetzt Weltenbummler. Er will als nächstes nach Hawaii segeln, um dort eine Frau zu treffen, die er im Internet kennengelernt hat. Das Wichtigste: „sie besitzt einen Slipp, wo ich mein Boot aus dem Wasser nehmen kann“.
Vier Hafentage in Pago Pago nutzen wir für verschiedene Reparaturen, vor allem Elektrik und Elektronik machen Probleme. Inzwischen ist ja sogar das Laden der Batterien computergesteuert. Selbst kann man da kaum etwas reparieren. Wir finden per Zufall zwei Computerexperten, die für Thunfischfänger arbeiten. In Pago Pago gibt es zwei Fabriken für die Verarbeitung von Thunfisch in Dosen. Die schnellen Schiffe der Thunfischfänger sind technisch extrem hochgerüstet, z.B. mit einem Hubschrauber an Deck und umfangreicher Computertechnik. Die Treibnetze sind 60 Meter tief und mehrere Kilometer lang. Nachdem wir diese Schiffe und ihre Ausstattung sehen, ist uns klar, dass der Thunfisch kaum eine Chance hat. Wir fahren mit den kleinen Inselbussen entlang der Küste. Wir entdecken eine schöne Badebucht, an der die urige „Tisa`s Barefoot Bar“ liegt. Zufällig wird abends dort ein „Fiest“ gefeiert mit dem typischen samoanischen Essen, das in einem Erdofen gedünstet wird, und mit einheimischer Musik. Wir genießen den Abend sehr. Das Fleisch und das Gemüse werden in Bambusblätter eingewickelt und dann in einem Erdloch unter heißen Steinen gelagert, bis Alles gar ist. Der Höhepunkt des Abends sind der Gesang von Tisa und der Tanz ihrer Enkelkinder.

Die nächste Samoa-Insel Upolu erreichen wir innerhalb von 15 Stunden. In der Hauptstadt Apia ist eine moderne Marina errichtet worden, in der wir einen Liegeplatz zugewiesen bekommen. Hier treffen wir mehrere australische Segler, die sich gebrauchte Boote in den USA gekauft haben und nun auf der Heimreise sind. Offenbar ist der australische Dollar zurzeit sehr stark. Upolu und die Nachbarinsel Savaii waren bis zum ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie. Wir finden viele Zeugnisse dieser Zeit. So haben die Deutschen die Wirtschaft der Inseln ganz auf den Export von Kopra abgestellt, in dem sie überall moderne Plantagen mit Kokospalmen und ein gutes Straßennetz errichteten. Bis 1952 ist West- Samoa von Neuseeland verwaltet worden. Während unseres Aufenthalts wird die Unabhängigkeit von Samoa gefeiert. Es gibt eine ganze Woche lang verschiedene Feierlichkeiten in der Stadt mit Aufmärschen und Musik. Alle Boote in der Marina werden gebeten, über die Toppen zu flaggen. Wir sind aber offenbar das einzige Boot, das einen Signalflaggensatz an Bord hat. Dann werden wir Zeugen einer großartigen Ruderregatta. Die Boote sind extrem lang und mit 36 Ruderern zuzüglich Steuermann und einem Trommler besetzt. Die Regatta geht über eine Strecke von 7 Meilen über die offene See bis in den Hafen von Apia. Die Ufer sind voller Menschen, die über Lautsprecher über den aktuellen Stand des Rennens informiert werden. Als das einheimische Boot gegen die Konkurrenz aus American Samoa gewinnt, ist der Jubel groß. An einem Abend gehen wir in das berühmte „Aggie Grey`s Hotel“. Hier haben schon viele Prominente gewohnt. Die Gründung des Hotels stammt aus der Zeit der amerikanischen Besetzung Samoas im zweiten Weltkrieg. Die einmal in der Woche stattfindende Show ist grandios. Zum Abschluss tanzt die Enkelin der Gründerin Aggie Grey einen samoanischen Liebestanz.
Für drei Tage mieten wir ein Auto, um uns die Insel anzusehen. Ich muss extra eine befristete Samoa-Fahrerlaubnis beschaffen. Auf Samoa wird auf der linken Straßenseite gefahren. Das ist vor einigen Jahren umgestellt worden mit der Begründung, Samoa hätte die wesentlichen wirtschaftlichen Beziehungen mit Neuseeland und Australien, in denen ebenfalls links gefahren wird. Wir umfahren die große Insel in zwei Tagen. Auffallend sind die sauberen Dörfer mit vielen großen Kirchen. Allein auf der 30 Kilometer langen Straße von Apia zum Flughafen will der bekannte amerikanische Schriftsteller Michener 75 Kirchen gezählt haben. Teilweise leben die Leute noch in den traditionellen Häusern mit ovalem Grundriss, „fale“ genannt.  Sie haben keine Außenwände, damit der kühlende Wind durch das Haus ziehen kann. Im Süden der Insel sind noch die Folgen des Tsunamis vom Herbst 2009 zu sehen, viele zerstörte Landstriche und Dörfer. Die Welle soll 9 Meter hoch gewesen sein und hat hunderte Tote verursacht. Der Wiederaufbau geht wohl nur sehr langsam voran. Zum Schluss besuchen wir das „Robert Louis Stevenson-Museum“. Der schottische Schriftsteller, er schrieb viele Abenteuergeschichten, z.B. die „Schatzinsel“, war als Journalist einer amerikanischen Zeitung 1889 nach Samoa gekommen. Er blieb hier bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1894 und lebte in der herrschaftlichen „Villa Vailima“, die jetzt das Museum beherbergt. Er war bei den Einheimischen sehr beliebt und wurde von ihnen auf einem nahegelegenen Berg wie ein Häuptling beerdigt.  Nach sechs Tagen verlassen wir abends Apia, nachdem wir ausklariert haben und uns noch von einem Lotsen die schwierige Riffeinfahrt von Asau auf der Nachbarinsel Savaii erklären lassen.
Am nächsten Morgen stehen wir vor der Riffeinfahrt. Wir müssen hier durch die Trümmer einer früheren Start- und Landebahn fahren, die bei einem Hurrikan zerstört wurde. Die elektronische Karte ist etwa 0,5 Meilen verschoben, also nicht zu gebrauchen. Es soll eine Richtpeilung durch das Riff geben, die wir aber nicht einwandfrei sichten können. Die Durchfahrt ist sehr schmal. Seitlich liegt das Wrack eines Motorseglers auf dem Riff, der die richtige Einfahrt nicht gefunden hat. Das macht Mut! Da kommt uns ein Einheimischer zu Hilfe, der uns mit seinem kleinen Motorboot durch das Riff lotst. Die Lagune von Asau ist sehr geschützt. Wir ankern vor einem kleinen Hotel. Später stellt sich heraus, dass unser „Lotse“ von der Riffpassage ein Matai ist, ein einflussreicher Chef eines örtlichen Familienclans. Er organisiert für uns ein Auto aus seiner Familie, mit dem wir die Insel Savaii erkunden. Sie ist sehr viel ursprünglicher als Upolu, und wenig besiedelt. Es gibt schöne Strände und eindrucksvolle Landschaften. Der Norden der Insel ist auf großen Flächen mit Lavafeldern  bedeckt. Im Westen und Süden finden wir Urwälder, Wasserfälle und einsame Küsten. Allerdings hat auch hier der Tsunami vom September 2009 große Zerstörungen angerichtet.
Unsere weitere Route soll uns nach Fidschi führen. Bei Niedrigwasser laufen wir aus der Lagune von Asau aus. Nun ist die schmale Rinne durch die Trümmer der zerstörten Start- und Landebahn gut auszumachen. Auf dem Weg nach Fidschi besuchen wir noch die zwei kleinen Inseln Wallis und Futuna, die früher deutsche Kolonien waren. Als wir uns Futuna nähern, bricht plötzlich die gesamte Bordelektrik zusammen. Keine Navigation, kein Echolot, kein Autopilot. Unsere offenbar älteren Verbraucherbatterien ließen sich schon in den letzten Wochen nicht mehr ordentlich laden. Unsere Rettung, zumindest für das sichere Einlaufen in eine schmale Ankerbucht von Futuna, ist mein kleines Netbook, das noch eine Akkulaufzeit von mehreren Stunden hat und auf dem unser Navigationsprogramm ebenfalls installiert ist. Später stellt sich heraus, dass die Hauptlichtmaschine und auch der elektronische Regler beschädigt waren, aber auch die Verbraucherbatterien am Ende ihrer Lebenszeit waren.

Fidschi


Von Samoa bis zur östlichsten Insel der Fidschis sind es rd. 600 Meilen. Am 21. Juni treffen wir in SavuSavu ein, dem „port of entry“ auf der Insel Vanua Levu.  Wir mussten uns mindestens 48 Stunden vorher beim Zoll anmelden, sonst drohen hohe Strafen. In der heutigen Zeit mit Internet, Fax und Satellitentelefon ist das technisch kein Problem mehr. Früher war SavuSavu ein wichtiger Hafen für die Verladung von Kopra, jetzt liegen nur noch Yachten vor der kleinen quirligen Stadt. Fidschi gehört nicht mehr zum polynesischen Lebensraum. Die Bewohner sind Melanesier, braunhäutig mit krausem Lockenkopf. Die Hälfte der Bevölkerung sind inzwischen aber Inder, deren Vorfahren von den englischen Kolonialherren als billige Arbeitskräfte, hauptsächlich für die Zuckerrohr-Ernte, ins Land geholt wurden. Der Taxifahrer, der uns über die Insel fährt, erzählt viel über die Konflikte zwischen der einheimischen Bevölkerung, die Besitzer der Grundflächen sind, und den Indern, die in der Regel wohl fleißiger, besser gebildet und geschäftstüchtiger sind. Die Regierung hat es schwer, zwischen diesen Gruppen einen angemessenen Ausgleich zu finden. Zurzeit regiert auf Fidschi eine Militärdiktatur. Auf der Rundfahrt werden uns stolz die Zeugnisse des  früheren Kannibalismus gezeigt. Es sind Schlachtstätten für Menschenopfer. Die Inder haben für ihre Hindu-Religion schöne Tempel gebaut, die eifrig besucht werden. Die Insel ist im Inneren fast unbewohnt mit hohen bewaldeten Bergen. Wo es flaches Schwemmland gibt, wird Zuckerrohr angebaut. Auf jeder Insel gibt es eine große Zuckerfabrik.
Die Gewässer von Fidschi sind voller Riffe, die man erst sehr spät sieht. Die Navigation erfordert große Aufmerksamkeit. Man meint weit weg vom Land zu sein und sitzt plötzlich auf einem Riff. Seezeichen gibt es so gut wie gar nicht. Ab und zu steht mal eine Eisenstange oder ein Holzpfahl im Wasser, nur bei den Hauptzufahrten sehen wir gelegentlich eine Fahrwassertonne oder ein Leuchtfeuer. Die elektronische Seekarte weicht oft um bis zu einer halben Meile von der Realität ab. Wichtig ist es daher, bei der Annäherung an ein Riff das richtige Licht zu haben, um das Riff im Wasser sehen zu können, am besten also bei hochstehender Sonne.  Wir laufen in mehreren Tagesetappen zur Nordküste der Hauptinsel Viti Levu. Große Riffe liegen vor der Küste. Hier ist Captain Bligh mit seiner kleinen Crew durchgesegelt, als er nach der Meuterei der Bounty mit einem Rettungsboot seine unglaubliche Reise bis zu einer holländischen Handelsstation auf Timor durchführte. Er wurde von kriegerischen Bewohnern von Fidschi verfolgt, schaffte es aber doch, eine Reihe von Inseln zu kartographieren. Der Nordwesten von Viti Levu ist touristisch gut erschlossen. Es gibt den internationalen Flughafen Nadi. Von dort gehen die Touristen mit kleinen Flugzeugen oder Fähren auf die vielen paradiesischen Inseln der Yasawa Group oder der Mamanuca Islands. Wir bleiben einige Tage in der kleinen Vuda Point-Marina, um unsere Elektrik zu reparieren. Wir haben immer noch Probleme mit der Lichtmaschine und dem Laderegler. Von Nadi aus fliegt die Frau des Skippers zurück nach Deutschland. Wir segeln zu zweit weiter zu der rd. 450 Meilen entfernten Inselgruppe Vanuatu.

Vanuatu

Nach vier Tagen kommen wir bei der Insel Tanna an. Es ist eine etwas ruppige Überfahrt mit hohem achterlichen Seegang gewesen. Beide Autopiloten fallen nacheinander aus, so dass wir zum Schluss  per Hand steuern müssen und uns dabei stündlich ablösen, weil das Kurbeln am Rad ziemlich anstrengt. Tanna liegt im Süden der Inselgruppe Vanuatu, die früher „Neue Hebriden“ hieß. Erst seit 30 Jahren ist Vanuatu selbständig. Davor wurden die Inseln gemeinsam von England und Frankreich verwaltet. Wir laufen in die Resolution Bay ein, während ein wunderschöner Regenbogen über der Bucht steht. In der Nacht hatten wir uns einige Stunden vor Topp und Takel treiben lassen, um nicht im Dunkeln anzukommen. In der Bucht liegen schon fünf Yachten. James Cook hat 1774 mit seinem Schiff „Resolution“ für einige Zeit gelegen. Nur 500 Meter von der Bucht entfernt liegt der aktive Vulkan „Yasur“. Als Cook in der Bucht ankerte, soll die Wassertiefe rd. 20 Meter gewesen sein, jetzt sind es nur noch 5 Meter, weil der Vulkan die Bucht über die Jahrhunderte mit Asche gefüllt hat. An der Bucht liegen drei Dörfer, in denen einige hundert Menschen in einfachen Hütten leben. Das soziale Gefüge der Dorfgemeinschaft wird vom „Chief“ gesteuert. Er entscheidet über alle wesentlichen Dinge. Wir werden von einem Sohn des Chiefs in Empfang genommen. Da hier häufiger Segler vorbeikommen, kennt er unsere Wünsche. Mit einem Geländewagen, das seinem Dorf gehört, fährt er uns über abenteuerliche Dschungelpfade und große Aschefelder quer über die Insel zum Hauptort, wo wir einklarieren und Geld tauschen können. Dieser Ort „Lenakel“ ist aber auch nur die Anhäufung weniger Hütten, aber mit einer Bank und der Inselverwaltung.  Bei der Rückfahrt auf der Ladefläche des Pickups werden wir wieder kräftig durchgeschüttelt. Der Weg durch den Urwald ist von tiefen Rinnen durchzogen, die durch die häufigen Regenfälle entstanden sind.
Am nächsten Tag werden wir mit dem Geländewagen zum  Vulkan gefahren. Nach einem Aufstieg zum Kraterrand stehen wir vor einem gewaltigen Naturereignis. Der Vulkan macht Geräusche wie ein Tier, atmet, rülpst und lässt Gaswolken ab. Alle paar Minuten schleudert er glühende Lavabrocken in die Luft.  Wir bleiben bis zum Abend. Im Dunkeln leuchtet die glühende Lavamasse am Boden des Kraters und die Eruptionen sind wie Feuerwerke. Als James Cook auf Tanna war, haben die Eingeborenen ihm einen Besuch ihres Vulkans nicht gestattet, weil der Berg wie ein Gott verehrt wurde.  Später werden wir im Auftrag des Chiefs zu einer Feier des Dorfes eingeladen. Es geht um eine Hochzeit und um die Rückkehr von zwei Jungen, die nach ihrer Beschneidung für vier Wochen fern von ihren Familien im Männerhaus lebten. Das Fest beginnt morgens um 8 Uhr und endet erst am nächsten Morgen. Die Dorfbewohner haben sich alle festlich geschmückt. Vor allem die Frauen haben bunte und glitzernde Kleidung mit viel „Lametta“. Wir werden Zeugen der Zeremonien. Ganze Berge von Geschenken wandern von der Familie der Braut zu der des Bräutigams. Die beiden Jungen werden unter Tränen von ihren Familien begrüßt und erhalten ebenfalls viele kleine Geschenke. Dann beginnt das ganze Dorf zu Tanzen an. Ohne Instrumente, nur mit ihrem Gesang tanzen die Männer im Inneren eines Kreises, außen hüpfen und laufen die Frauen und Kinder. Während des Tanzes sind Alle sehr konzentriert und fast in Trance, danach lachen Alle befreit auf. Dieser Tanz wird immer wiederholt. Die Melodien scheinen sich auch immer zu wiederholen. Anschließend werden die verschenkten Tiere geschlachtet. In Erdöfen werden die Fleischbrocken und das Gemüse unter heißen Steinen gegart, nachdem sie in Bambusblätter eingewickelt wurden. Abends findet für die Männer des Dorfes eine Kava-Zeremonie statt. Zu unserer Freude werden wir auch dafür eingeladen. Das Kava-Getränk wird aus den Wurzeln des Pfefferstrauchs gewonnen. Die Männer kauen die Wurzeln durch und formen daraus Kugeln, so groß wie Apfelsinen. Diese müssen eine Zeitlang ruhen und ziehen, bevor sie in ein Tuch gelegt, mit Wasser übergossen und ausgewrungen werden. Das Getränk wird in einer bestimmten Zeremonie in einer Kokosnuss-Schale übereicht und wird in einem Zug ausgetrunken. Es schmeckt nach bitterem Tee und soll berauschende Wirkung haben. Nach zwei Schalen Kava merke ich nichts und halte mich daher eher an eine Flasche Rotwein, die ich in meinem kleinen Rucksack mitgebracht habe. Die Frauen und Kinder sind inzwischen wieder auf dem Festplatz angekommen. Der Tanz beginnt aufs Neue bis zum nächsten Morgen und bis zur völligen Erschöpfung.

Auf dem Weg nach Port Vila, der Hauptstadt von Vanuatu besuchen wir die Insel Erromango. Dort wird uns von den Dorfbewohnern erklärt, wie noch vor 150 Jahren ihre Vorfahren Kannibalen waren. In der Dillon`s Bay sind im 19. Jahrhundert mehrere Missionare getötet und geschlachtet worden, unter anderem der berühmte Missionar John Williams, der vorher Samoa missioniert hatte. In Port Vila erleben wir ein anderes Vanuatu. Es ist eine moderne Stadt mit Hotels und Tourismus, vor allem Australier machen hier Urlaub und kaufen Ferienhäuser. Es gibt ein großes Muringfeld, wo wir sehr geschützt liegen. Wir erleben in Port Vila die Feierlichkeiten für den 30. Jahrestag der Unabhängigkeit mit täglichen Paraden, Feuerwerken und Volksfesten. Nach fünf Hafentagen in Port Vila laufen wir weiter zu den nördlichen Inseln Epi, Malekula und Esperitu Santo. In Luganville, dem Hauptort von Esperitu Santo waren amerikanische Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs stationiert. Sie hinterließen ein gutes Straßennetz, viele Militärbauten und versenkten bei ihrem Abzug große Teile ihrer Ausrüstung: Lastwagen, Motorräder und Waffen. Der betroffene Strandabschnitt heißt seitdem „Million Dollar Beach“. Wir nutzen die Hafentage in Luganville für einen Ausflug zu den berühmten „Blue Holes“.  Das sind tiefe Kolke in Flüssen, die einen fast weißen Kalksteingrund haben, wodurch das Wasser tiefblau aussieht. Eigentlich wollen wir dann nach Australien auslaufen. Wir haben bereits ausklariert, als uns eine Sturmwarnung für die Gewässer von Esperitu Santo erreicht. Wir liegen für den erwarteten Südost sehr ungeschützt vor Anker. Wir verschwinden dort schnell und gehen unter Maschine zu einer Bucht im Westen der Insel, wo wir nahe des Cap Lisburne gut geschützt zwei Tage lang den Sturm abwettern können. Am 12. August können wir dann endlich nach Australien auslaufen.  Für die rd. 970 Meilen bis zur Ostküste von Australien benötigen wir sieben Tage. Erst haben wir wechselhaftes Wetter mit Regen und Flauten, dann jedoch wieder einen stetigen Passat. Wir halten uns frei vom riesigen Chesterfield-Riff und laufen von dort direkt zum kleinen Küstenstädtchen Bundaberg, das südlich des Great Barrier-Reefs liegt. Von australischen Seglern war uns die Bundaberg-Marina für einen längeren Aufenthalt empfohlen worden. Am 19. August laufen wir in die Flussmündung ein, an der die Marina liegt. Unsere Reise ist hier zu Ende. Nach einigen Tagen, in denen wir das Boot aufräumen, fliegen wir von Brisbane nach Deutschland zurück und lassen „Freya“ in der Obhut des Hafenmeisters. Sie hat während der acht Monate dauernden Pazifikreise auf 9.900 Meilen immer gut für uns  gesorgt. Die Südseereise war die Erfüllung eines Traums. Man muss sich nicht jeden Traum erfüllen. Aber dieser war wichtig. Das Schönste an der Reise war, dass die Freundschaft von uns zwei Männern in dieser Zeit nicht gelitten hat.