Was Kreuzfahrer können...

Segeln zu den Metropolen der Ostsee.
Was die Kreuzfahrer vermehrt machen, können wir schon lange.

Für alle Fahrtensegler, die sich auch mit dem Gedanken tragen, ihr Fahrtgebiet in Richtung östliche Ostsee weiter auszudehnen, will ich hier ein paar Erfahrungen zusammentragen, die ich mit einem kleinen Schiff (einer Hanse 341) zu zweit in den Jahren 2006, 2008 und 2011 gewonnen habe. Vermeiden möchte ich, die drei Reiseberichte zu wiederholen; wer will kann sie im Internet nachlesen, indem er auf die drei Jahreszahlen klickt.
   Natürlich will ich auch nicht in Konkurrenz zu Hafenhandbüchern treten, die man (neben Baedeker und Marco Polo) bei sich haben sollte. Einige von mir benutzte will ich hier nennen:

  • Söderbergh / Granath: Landsort - Skanör, englischsprachiger Revierführer für das Gebiet Bornholm bis Landsort (incl. Öland und Götakanal) mit detaillierten Luftbildern
  • Hässler / Granath: Arholma - Landsort and Gotland, englischsprachiger Revierführer (ideal zum Aufsuchen von Schärenliegeplätzen in den Stockholmer Schären)
  • Clausen: Schweden 2
  • Parczyk: Ankerbuchten in den ostschwedischen Schären
  • The Sea Archipelago and the Gulf of Finland, Hafenpläne und Schärenliegeplätze in den Ålands, Südfinnland, Saimaa, Russland, und Estland (in deutsch, englisch und russisch)
  • Heinrich: Küstenhandbuch Baltikum mit Südküste Finnland
  • Hafenhandbuch Mecklenburg-Vorpommern und Polen
  • Wie in Dänemark gibt es auch für Schweden, Finnland und die baltischen Staaten beim Hafenmeister jährlich neu gedruckte, unentgeltliche Führer für Sportboote, die zwar mit viel Reklame versetzt, aber doch sehr nützlich sind.


Im Vergleich zu den dänischen Inseln und der schwedischen Westküste gibt es in der östlichen Ostsee zum Teil auch größere Seestrecken zurückzulegen. Zum Beispiel sind es

  • von Simrishamn über die Hanöbucht nach Utklippan  53 sm,
  •  von Fårösund (Nordgotland) bis Ventspils (Lettland)  87 sm,
  •  von  Vergi (Estland östlich von Tallinn) nach St. Petersburg  130 sm,
  •  von Hanko (Finnland) nach Sandhamn  128 sm,
  •  von Hel (Danziger Bucht)  nach  Klaipeda (Litauen)  105 sm,
  •  von Leba (Polen) nach Liepaja (Lettland)  154 sm und
  •  von Snogebäk (Bornholm) nach Utska (Polen) 66 sm.

Einige dieser Strecken machen eine Nachtfahrt erforderlich, die meisten lassen sich durch Umwege vermeiden. Der große Vorteil dieses tidenfreien Seegebietes ist, dass man die Abfahrtszeit allein vom Wetter abhängig machen kann und auch noch spät abends in den Hafen einlaufen kann, denn im Sommer ist es lange hell und man findet immer noch einen Liegeplatz. Wirklich voll sind die Häfen nur im Juli vor Stockholm, aber dort gibt es auch reichlich Schärenliegeplätze und Ankerbuchten.
   Die Küstenformationen sind sehr unterschiedlich. Ähnlich wie bei den schwedischen Westschären gibt es bei den Ostschären gut gekennzeichnete Wege von Nord nach Süd, sowohl innen als auch außen. Nur sind die Felsen hier stärker bewaldet. Bei Starkwind findet man am  hohen Felsen häufig einen ruhigeren Platz als in der offenen Marina. Vor Stockholm gibt es viele kreuzende und parallele Fahrwasser, und mit sorgfältiger GPS-Navigation gelangt man auch in entlegene Buchten. Ins Zentrum der schwedischen Metropole führen drei Wege, wenn man von Süden kommt:

  • durch den Södertälje-Kanal, den Mälarsee und den Danvikskanal,
  • vorbei an Saltsjöbaden durch den engen Sund Baggenstäket und den Skurusund
  • und schließlich über den Hauptweg vorbei an  Sandhamn und Vaxholm.


Wenn man von den Ålands nach Stockholm segelt, zum Beispiel aus Mariehamn oder Rödhamn kommend (28 sm), kann man als erstes bei Arholma Schutz finden oder mit Heckanker an den Aussenschären Granhamn (außer bei NE-Wind) oder Megelskär bei Rödlöga (gut bei Nordwind) festmachen.
   Die Schären der Älands sind flacher als die vor Stockholm. Landschaftlich reizvoller finde ich das finnische Inselarchipel in Richtung  Turku und Hanko, die Navigation erfordert aber mehr Aufmerksamkeit, weil es kaum festgelegte „Straßen“ gibt. Auf endlos vielen Wasserwegen kann man das Gebiet der gelegentlich mit Baken und Lotsenhäusern besetzten Felsen erkunden, die wie mit einer Streusanddose ausgestreut, breit im Meer verteilt liegen. Beachten muss man, dass die finnischen Tonnen meist keinerlei Toppzeichen haben, so dass man Untiefentonnen (schwarz-weiß statt schwarz-gelb) und Fahrwassertonnen (rot, grün) allein an ihrer  Farbe unterscheiden kann, was bei tief stehender Sonne nicht immer einfach ist.
   Den weiteren Weg Hanko - Helsinki (oder zurück) kann man getrost auch ausserhalb der Schären wählen, ohne viel zu versäumen. Helsinki ist eine recht junge Stadt, aber schön gelegen und Wohlstand ausstrahlend. Ein älteres, noch gut erhaltenes Handelszentrum ist Porvoo, weiter östlich am Finnischen Meerbusen gelegen. Aus Sicht des historisch beflissenen Europäers erscheint die estländische Hauptstadt Tallinn, also die alte Hansestadt Reval, attraktiver als das nur 38 sm entfernte Helsinki. Leider ist das gut erhaltene Altstadtzentrum und die mittelalterliche Burg auf dem Domberg tagsüber stets von Touristen besetzt, worauf sich auch das gastronomische Gewerbe vollständig ausgerichtet hat.
   Das ist anders in der größten Stadt des Baltikums, der lettischen Hauptstadt Riga. Das Stadtbild ist weniger von Touristen als von jungen Menschen, meist Studenten, bestimmt. Die alte Hansestadt ist berühmt für die gut erhaltene und wiederaufgebaute Altstadt sowie ihre Jugendstilbauten. Wir haben uns auf den vielen schönen Plätzen und einladenden Kneipen mit Musik aus allen Stilrichtungen jedenfalls stets sehr wohlgefühlt.
   Von Finnland kommend ändert sich das Landschaftsbild in Richtung Estland vollkommen. Die Wassertiefen sind geringer, und längs der Fahrwasser sind zahlreiche große Steine verteilt, die beachtet werden wollen. Manches erinnert auch an die Gewässer um Fünen und Seeland. Schöne Sandstrände findet man aber (abgesehen von Pärnu) erst in Lettland und Litauen, dort aber so traumhaft, dass man bei gutem Wetter Tage hier verweilen kann, vor allem auch wenn bei Westwind die Brandung über den steinfreien Sand rauscht. Die Strandküste zieht sich ja östlich und südlich um die ganze Ostsee bis Mecklenburg, nur dass im polnischen Bereich Karussells und laute Jahrmarktsmusik die ortsnahen Küstenabschnitte besetzt halten.
   Der Rigaische Meerbusen ist ein eigenes Seegebiet, nicht nur bei der Wettervorhersage. Wie der Skagen-Leuchtturm das Skagerrak vom Kattegat trennt, so trennt der Kolka-Leuchtturm die Ostsee vom Rigaischen Meerbusen. Die Irbenstraße entspricht der Jammerbucht. Wie Anholt liegt die Insel Ruhnu ganz zentral als idealer Übernachtungshafen auf dem Weg von und nach Riga und anderen lettischen und estnischen Häfen.
   Von den Städten an der Ostküste ist Liepaja (früher Libau) hervorzuheben. Von den Kreuzfahrern noch nicht entdeckt, ist sie eine der schönsten und lebendigsten Ostseestädte. Uns gefielen besonders die Biedermeierhäuser und wunderschönen alten Holzvillen, der Park mit dem alten Baumbestand entlang des herrlichen Strandes und die gewaltigen Kirchen, besonders die Dreifaltigkeitskirche mit der größten mechanisch traktierte Orgel der Welt (131 Register, 4 Manuale und über 7000 Pfeifen, 1885 gebaut von B. Grüneberg). Klaipeda, das alte Memel, ist dagegen nicht so gut wieder hergestellt. Wer Zeit hat (und nicht mehr als 1,9m Tiefgang), sollte aber von dort ins Kurische Haff nach Nidden segeln und sich dort Fahrräder mieten.
   Die lange polnische Küste ist nicht sonderlich attraktiv, abgesehen von den großen Wanderdünen bei Leba. Ausserhalb der Hauptsaison sind auch die ausgedehnten Sperrgebiete zu beachten. Bei starken nördlichen Winden muss man in die engen Flussmündungshäfen mit viel Fahrt (Motor und eventuell Fock-Unterstützung) einlaufen, um sicher durch den Brandungsgürtel zu steuern. Aufdrehen ist in den engen Hafeneinfahrten meist nicht möglich. Besonders schlecht liegt man in Darlowo (Rügenwalde) und Utska (Stolpe). In Kolberg wird 2012 eine neuer Yachthafen eröffnet und in Leba gibt es eine gute Marina. In Danzig liegt man gut und sicher direkt im Zentrum gegenüber dem Krantor. Die aus dem Trümmerfeld wieder auferstandene historische Altstadt ist natürlich allein eine Reise wert.
   Noch nicht erwähnt sind Kaliningrad (Königsberg) und St. Petersburg. Während wir alle heute anderen Ostseeanrainer ohne Visum und weitgehend ohne Kontrollen (Schengen) bereisen können, sind für die Einreise nach Russland der Aufwand und die Kosten beträchtlich. Königsberg haben wir daher bisher ausgelassen und hoffen, dass die Verwaltung dort etwas touristenfreundlicher wird. St. Petersburg haben wir dagegen besucht, mit Tatjana Bukowa als lokale Agentin. Es ist gut für diese Stadt mehr Zeit als die meisten Kreuzfahrer zu haben und auch ausserhalb eines festen Programms in der Stadt der goldenen Kuppeln herumzulaufen. Lesen Sie bitte Näheres in dem betreffenden Reisebericht nach. Wir haben auf jener Reise auch den Saimaa-See besucht, den man von St. Petersburg direkt durch den Sund von Primorsk durch russische Gewässer erreichen kann. Die meisten Saimaa-Segler kommen aber von Finnland über den Kontrollpunkt auf der Insel Santio zur ersten Kanalschleuse Brusnitchoe auf russischen Territorium, ohne dass vorweg ein russisches Visum beantragt werden muss. Der Saimaa stellt ein lohnendes Reiseziel dar, nicht nur wegen der bekannten Opernfestspiele in Savonlinna (vorweg im Internet Karten kaufen!). Er ist, gut ausgetonnt, ein großartiges Sommererholungsgebiet und angenehm warm, da die Sonne im Sommer 15 Stunden am Himmel steht.
   Man kann die Ostsee links oder rechts herum umrunden. Wir haben beides gemacht. Wenn man über Polen zurückfährt und die Rückkehrzeitpunkt gegeben ist, hat man das Problem, unter Umständen gegen starke Westwinde aufkreuzen zu müssen. Bei der Rückfahrt entlang der schwedischen Küste und durch Dänemark hat man bei ungünstigen Wetterlagen mehr Optionen. Ansonsten gilt, man soll das Schiff laufen lassen, wenn der Wind günstig steht. Und dann auch einmal an schönen Plätzen vorbei fahren. Es gibt noch genügend davon. Und dies sind nicht nur die von den Ostseekreuzfahrern angelaufenen Metropolen, sondern vor allem verträumte Ortschaften und unberührte Natur.
   Also nichts wie los! Erobern Sie dieses wunderschöne Segelgebiet, das nun seit über 20 Jahren offen vor unsere Tür liegt. Mast- und Schotbruch!

Dietrich Onnasch im Januar 2012

Rathaus in Tallinn
Wappen des Deutschen Ordens
Tallinn Katharinental
Tallinn Blick vom Domberg
Riga Haus der Zünfte
Im Kurhaus von Haapsalu
Riga Tradition und Lebenslust
Ballsaal im Katharinenpalast
in Porvoo, Finnland
Das Bernsteinzimmer
Isaakskathedrale St. Petersburg
Segelboot Peters des Großen

Bilder der Reisen

Ostseerundfahrt 2008
Ostseerundfahrt 2011
Christiansö
Utklippan
Mittsommernacht an der Svartkögsskär
Sonnenuntergang in Vergi
königliche Fahrwassertonne
Gullkrona im finnischen Archipel
viele Steine in Estland
Leuchtturm Kolka
Endlose Strände in Lettland
Hafen von Ruhnu
Hafeneinfahrt Leba (Polen)
Visby
Visby Stadtmauer
Altstadt von Stockholm
Festungsinsel Suomenlinna (Helsinki)
Sibelius- Denkmal Helsinki
Holztransport auf dem Saimaa
Savonlinna am Saimaa
Jugendstilhäuser in Riga
Liegeplatz beim Danziger Krantor